Das Symposion
Sozialer Zusammenhalt in Geschichte und Literatur Siehe dazu auch das Interview im Rahmen der Europäischen Dialoge in der Villa Vigoni zwischen dem Autor Prof. K. Ludwig Pfeiffer mit der Generalsekretärin der Villa Vigoni, Frau Dr. Liermann Traniello. Dazu ein Interview von Georgios Chatzoudis, Leiter der Redaktion der Gerda Henkel Stiftung mit dem Autor vom 28. März 2022 nachzulesen hier. |
March 2018, K. Ludwig Pfeiffer, From Chaos to Catastrophe? Texts and the Transitionality of the Mind, Berlin/ Boston: Walter de Gruyter 2017/2018 EXPOSÉ Das vorliegende Projekt nimmt die Spannungen zwischen Bewusstseinsprozessen und Bewusstseinsprodukten (Weltbildern, Weltanschauungen, Ideologien, Denkmodellen, Meinungen usw.) und deren kulturgeschichtlichen Folgen in den Blick. Die Spannungen und ihre Folgen werden mit den im technischen Sinn zu verstehenden Titelbegriffen markiert. Dabei bezeichnet der auf Bewusstseinsprozesse bezogene Begriff des Chaos die Folgen kleiner Veränderungen operativer Ausgangsbedingungen, der auf Produkte und Folgen bezogene Begriff der Katastrophe die Diskontinuitäten, Bifurkationen in langsamen evolutionären Prozessen. Das Buch bewegt sich in der Nähe von Gernot Böhmes Bewusstseinsformen (2. Aufl. Fink 2017), hebt aber sehr viel stärker auf die (bei Böhme nur indirekt angedeutete) ‚dramatische‘ Dynamik von Prozessen und Produkten ab. Bewusstseinsprozesse werden daher philosophisch (von William James und Jaspers über Dennett bis Metzinger), aber verstärkt auch neurobiologisch beschrieben (Edelman, Damasio, Ramachandra, Roth, Singer usw.). Zugleich greift die Arbeit auf ältere, evolutionär orientierte Theorien (Morin, Jaynes) zurück. Vor dem Hintergrund der referentiellen Intransparenz (Quine) weiter Wirklichkeitsbereiche spitzt das Projekt die Dramatik des Bewusstseinsgeschehens auf die bei Morin und Jaynes metaphorisch (!) als hysterisch oder schizophren charakterisierten Wirkungsformen zu (Teil I). Ziel ist eine zumindest grob skizzierte kulturgeschichtliche und kulturkomparative Kosten-Nutzen-Rechnung der speziell im Westen dominierenden Übergänglichkeit (transitionality) von ‚chaotischen‘ Bewusstseinsprozessen in Produkte und deren oft ‚katastrophale‘ Implikationen. Die zentrale These besteht dabei im zunehmenden Versagen oder Fehlen der Handlungsorientierung in den Bewusstseinsprodukten, also in einem auch durch Ethik-Entwürfe nicht mehr kompensierbaren Defizit, damit aber in der Schwäche vornehmlich westlicher Kulturen angesichts von ‚außen‘ kommender illiberaler, dogmatischer, fanatisierter, in der Summe vormoderner Handlungs- und Lebensform-Imperative. Das Material für solche Analysen liefert ein überwiegend als literarisch zu bezeichnendes Spektrum an Texten. Im Mittelpunkt (Teil II) stehen biografisch und zugleich historisch angelegte Texte, aber auch deren Erweiterungen zu historischen Bewegungen wie Liberalismus und Aufklärung. Die biografisch-historische Anlage ermöglicht die modellhafte Verklammerung von Prozessen, Produkten und den auf Skizzen beschränkten geschichtlichen Kontexten; die Erweiterungen verdeutlichen die zur Selbstdemontage tendierenden Logiken von Weltbildern. Detaillierter werden die funktionalen Zusammenhänge in einer Fallstudie (Teil III) zu dem in einem weiten Sinne christlich engagierten englischen Romanautor Nicholas Mosley und seinem Vater Oswald, dem britischen Faschistenführer in den 30er Jahren betrachtet. Die bewusstseinstheoretische Analyse vermag dabei die sowohl komplementäre wie gegenläufige hochgradige Entwirklichung der Politik wie aber auch die relative Haltlosigkeit liberal-aufgeklärt-christlicher Positionen zu beleuchten.
|
|---|---|
Daß eine Anthropologie der Medien möglich ist, zeigt die Verbindung von Human-,
Medien- und kultureller Evolution bei Andre Leroi-Gourhan, die den Bogen von der Paläoontologie zu modernen Medienverhältnissen spannt.
Solche Rahmenvorstellungen müssen historisch und auch theoretisch konkretisiert werden.
Daher betont diese Arbeit eine Koppelung von Medien- und Erfahrungsbegriffen.
Während der Erfahrungsbegriff in der Philosophie kaum mehr eine Rolle spielt und in der Systemtheorie fast völlig verabschiedet ist,
feiert er in einer neueren Form medientheoretisch interessierter amerikanischer Anthropologie ein Comeback:
Medien werden als die Ermöglichungsformen »liminaler« bzw. »liminoider« Erfahrungen beschrieben.
Dabei handelt es sich um Formen gesteigerter Erfahrung, deren Vollzugsformen zwar sozial oder kulturell vorgeprägt sind,
die aber nicht, oder nicht nur, mit den dahinterstehenden soziopolitischen Ideologien und Machtinteressen zu berechnen sind.
Das Mediale und das Imaginäre beschfeibi repräsentative Profile solcher Medien-und Erfahrungsausprägungen in kulturvergleichender Optik.
|
Festschriften sind für die Forschung oft von zweifelhaftem Wert. Meist sind die Beiträge zu heterogen, selten wirklich auf das Werk der Jubilare ausgerichtet.
Angesichts dieses Umstands kann man Ingo Berensmeyer und Nicola Glaubitz, den Herausgebern der Festschrift für K. Ludwig Pfeiffer, nur gratulieren.
Statt eines Bandes, der Beiträge alter Wegbegleiter versammeln würde, haben Berensmeyer und Glaubitz zwölf bedeutsame Aufsätze des 2009 emeritierten
Siegener Anglisten und Allgemeinen Literaturwissenschaftlers neu veröffentlicht und um ein kurzes eigenes Vorwort sowie ein Nachwort des Geehrten ergänzt.
Dank einer geglückten Textauswahl ist es dem Herausgeber-Duo gelungen, Pfeiffers sich über drei Jahrzehnte stets weiterentwickelndes Forschungsprofil offenzulegen:
ein Forschungsprofil, das heute als unverzichtbarer Bestandteil einer medienwissenschaftlich orientierten Literaturwissenschaft betrachtet werden kann,
auch wenn (oder gerade weil) sich Pfeiffer nie dem je aktuellen Mainstream unterworfen hat.die vollständige Rezension lesen |
Im Zusammenhang mit der rapiden Entstehung verschiedenartigster Denk- und Erkenntnisweisen (‚Diskurse‘)
in der europäischen Neuzeit kommt man um die Frage nach deren Relativität und Reichweite,
ihrer Geltung oder gar Wahrheit nicht herum. Im ausgehenden 17. Jahrhundert veranstaltet Fontenelle Unterhaltungen
mit gebildeten Damen über die Vielzahl planetarischer, intelligentes Leben nicht ausschließender Welten.
Im 18. präsentiert die französische Encylopédie bereits Evidenz für die interne kognitive Vielfalt auf der Erde.
Im weiteren Verlauf der Wissensentwicklung bilden sich die unterschiedlichsten Denkformen heraus, deren Interferenz,
ja Konkurrenz nach A. Gehlen die Frage provoziert, ob wir mit unseren Überzeugungen nicht immer die Getäuschten sind.
Ein Verhältnis problematischer Nähe und kritischer Distanz charakterisiert dabei
vor allem die Beziehungen zwischen Philosophie und Literatur.
Ihre großen Vertreter, hier Hegel und Beckett, praktizieren durchaus unterschiedliche Verfahren
und sind insofern nicht direkt vergleichbar. Aber ihre mentale Verfügungsgewalt nimmt Denken und Welt
gleichsam als Geiseln, deren Eigenart, Parameter, und Implikationen sie zu eindrucksvollen
und überraschend ähnlichen Gestalten destillieren.In ihnen gewärtigen wir,
was Hölderlin das Bleibende nannte und was wir immer noch zu ergreifen versuchen.
|
Mit dem Problemtitel Fiktion und Talsächlichkeil möchte das Buch auf eine von der Literaturtheorie
(und in anderen, hier nicht behandelten Weisen auch von der Medientheorie) vernachlässigte,
aber wohl zentrale Dimension von Texten aufmerksam machen, die gemeinhin, aber in bedenklich einseitiger Weise
als die vor allem durch die Eigenschaft der Fiktionalität charakterisierte Literatur bezeichnet werden.
Das Buch versucht sich am theoretischen wie auch durch die Analyse ausgewählter Texte von Shakespeare
bis zur Rechtsmediziner-Literatur unserer Tage beglaubigten Nachweis, dass gerade in den .interessantesten' Texten
Interferenzzonen entstehen, in denen Fiktionen aller Art sich mit und zu ebenso vielfältigen Formen der .Tatsächlichkeit'
verschränken. Die gern den .literarischen' Texten zugeschriebene anti-ideologische Perspektivenvielfalt
wird dadurch nicht abgeschafft. Die entscheidenden Perspektiven aber verdichten sich zu Profilen der Unwiderlcgbarkeit,
die sich als historische Chiffren des früher so genannten Allgemein-Menschlichen deuten lassen.
|